5. Tag (23.9.98): Rand -> Granby -> Timber Creek Campgr.
In der Nacht haben wir nicht sehr gut geschlafen. Der letzte Tag war wohl doch zu anstrengend. Auch die dünne Luft machte vor allem Peter zu schaffen. Er hatte ein andauerndes, stechendes Gefühl in der Lunge. Hoffentlich geht das vorbei. Das Wetter ist leider nicht so strahlend wie am Vortag. In einer Regenpause bauen wir das Zelt ab und fahren ohne Frühstück los. Kaum auf dem Rad, fängt der Regen auch schon wieder an. Wir vermummen uns in GoreTex von Kopf bis Fuß, schieben uns noch einen Müsliriegel ein und fahren weiter. In Zeitlupe geht's den Willow Creek Pass (9620 ft / 2930 m) hoch. Den ersten "Continental Divide"-Pass erreichen wir dann bei 5°C und Regen. Die folgende Abfahrt bis Granby ist leider nicht so abschüssig, daß man es hätte laufen lassen können. Kurz nachdem wir den US Highway 40 erreichen, überqueren wir den Colorado, hier noch ein kleiner Fluß, der einige hundert Meilen stromabwärts durch den Grand Canyon fließt. Mit einem riesigen Loch im Bauch sind wir froh, Granby zu erreichen. Ein großer Supermarkt am Ortseingang ist unsere Rettung: Donuts, Mountain Dew 2 Liter, Semmeln, Cookies, Kuchen und Lipton Nudelgerichte für die nächsten Tage. Auf einer Bank vor dem Supermarkt verzehren wir dieses Festmahl. Teilweise schaut sogar die Sonne etwas zwischen den Wolken hindurch und wir können unsere GoreTex-Sachen ausziehen. Kaum haben wir jedoch die Räder wieder gepackt schon setzt der Regen wieder ein. Im Regen geht's dann den US-Highway 34 in Richtung Grand Lake / Rocky Mountain National Park hoch. Das Essen zeigt Wirkung und es läuft trotz dem stetigen Anstieg besser. Der Highway ist nur schwach befahren und hat einen großen Seitenstreifen. Es geht am Lake Granby und am Shadow Mountain Lake vorbei, durch große Touristikdörfer mit Yachthäfen bis Grand Lake. Wegen dem Regen erkundigen wir uns im Visitor Center, ob es auf dem Timber Creek Campground Cabins gibt und ob welche frei sind. Die nette Dame telefoniert kurz und meint: kein Problem. So fahren wir weiter, in den Nationalpark hinein ($5 für jeden), schauen uns das Visitor Center des Nationalparks an und erreichen bald den Timber Creek Campground. Der Timber Creek Campground ist ein gewöhnlicher National Park / National Forest - Campground, also keine Kabins, keine Duschen. Die Dame im Visitor Center scheint nicht ganz gecheckt zu haben, was wir wollen. Egal, der Regen hat aufgehört und wir suchen uns einen schönen Platz aus, schreiben unseren Namen und Platznummer auf einen Umschlag, in den wir $12 stecken und werfen ihn in eine Box (wie das bei diesen Campgrounds üblich ist). Auf einer Infotafel lesen wir mehrere Warnungen und Verhaltensregeln bei Begegnungen mit Brown Bears und Mountain Lions. Sollte alles nichts nützen, fight back, so stand es auf diesen Tafeln. Darauf können wir gut verzichten. Da es noch recht früh ist, erkunden wir etwas die Umgebung auf kleinen Pfaden. Ein paar Schritte vom Campground entfernt fließt ein kleiner Fluß, sicher Wasserstelle für viele Tiere. Auf dem Rückweg sehen wir einige Hirsche mitten über den Platz laufen. Einen Ranger, der vorbeikommt, fragen wir, ob wir von dem aufgeschichteten Brennholz etwas für ein kleines Lagerfeuer nehmen dürften. Er wußte nicht Bescheid und wolle zurück nach Grand Lake fahren um sich zu erkundigen und dann zurückkommen, um uns zu informieren. Als er sieht, daß wir nur mit Zelt unterwegs sind, warnt er uns, daß es in dieser Nacht 'twenty' kalt werden könnte. Wir haben keine Ahnung, wie kalt 20° Fahrenheit sind, machen uns aber keine Sorgen. Leider kommt er an diesem Abend nicht mehr vorbei. Wir kochen eine üppige Nudelmahlzeit und schlafen ein.
6. Tag (24.9.98): Timber Creek Campgr. -> Estes Park
Trotz der Höhe haben wir gut geschlafen. Es war zwar nicht gerade warm, aber wir haben auch nicht gefroren. Alles ist jedoch vom Tau klatschnaß. Die Wolken haben sich zum größten Teil verzogen und durch das dichte Blätterdach der Bäume kann man den klaren Himmel sehen. Wir frühstücken den Rest vom Supermarkt. Als wir unsere Sachen gepackt haben und losfahren wollen, kommt der Ranger noch einmal vorbei und entschuldigt sich, daß er am Vorabend nicht mehr gekommen ist, weil er nichts in Erfahrung hat bringen können. Er erkundigt sich über unsere Tour und wünscht uns gute Fahrt. Nette Typen diese Ranger. Wenn man mit dem Bike statt mit dem Auto unterwegs ist hat man bei ihnen gleich die volle Sympathie. Also kurbeln wir uns am "2 miles above sealevel"-Schild und am Milnerpaß vobei die Trail-Ridge-Road hoch. Die Baumgrenze bei ca. 3200 m lassen wir das erste mal unter uns. Obwohl die Sonne scheint ist es wegen dem Wind saukalt. Wir machen eine Pause beim Visitor Center kurz vor dem höchsten Punkt der Trail-Ridge Road. Viele Autos auf dem Parkplatz verraten schon das dies ein großes Touri-Ziel ist. Man kann alle möglichen Souvenirs kaufen. Wir kaufen nur ein paar Postkarten, wärmen uns etwas auf und fahren weiter. Die Luft in dieser Höhe macht uns wieder gewaltig zu schaffen und in Zeitlupe erreichen wir den höchsten Punkt der Trail-Ridge-Road (12000 ft / 3720 m). Man hat gewaltige Ausblicke auf die umliegenden Berge. Auf annähernd gleicher Höhe schlängelt sich die Straße am Bergkamm entlang. Jeder kleine Anstieg läßt uns wieder hecheln. Auf einem Aussichtspunkt sprechen uns zwei Touristen an, die mit dem Auto unterwegs sind. Es stellt sich heraus, daß auch sie Biker sind und wir tauschen die Adressen aus. Wenn sie mal nach Bayern kom-men fahren wir zusammen in den Alpen eine Runde. Die Abfahrt ist phantastisch. Wir können fast 1500 Hm an einem Stück abbauen. Je tiefer wir kommen, desto wärmer wird es wieder und wir ziehen unsere GoreTex-Sachen wieder aus. Kurz machen wir einen Stopp am Visitor Center bevor wir den Nationalpark verlassen. Eine Familie, begrüßt uns und die jüngere Frau kommt kurz nachdem sie hineingegangen war, wieder heraus und will von uns ein Foto machen, mit dem Kommentar: "You're the first people I met who crossed Trail-Ridge-Road by bike". Wir sind ganz überrascht und grinsen in die Kamera. Einige Meilen weiter kommen wir zu einer kleinen Ortschaft an einer Kreuzung. Wir denken in Estes Park zu sein und kehren bei einem KFC ein. Wir kaufen uns beide einen Kasten mit Hühnchen-Teilen und zwei Beilagen und zahlen jeder fast $10. Um die Bikes nicht unbeaufsichtigt zu lassen essen wir draußen. Öfters weht's uns eine Serviette weg und wir sprinten hinterher. Einige Passanten schauen uns verständnislos an. Die Box mit Hühnchen erweist sich als so reichhaltig, daß ich keine Chance habe und Peter sie auch nur mit Mühe schafft. Vollgefressen setzen wir uns wieder auf die Bikes um die letzten Meter bis zum KOA-Campground zu rollen. Nach langem hinund hergeirre merken wir, daß wir noch gar nicht in Estes Park sind. So müssen wir doch noch einige Meilen mit vollem Bauch fahren, bevor wir den hübschen KOA-Campground an einem kleinen See erreichen. Wir kaufen uns ein Paket Feuerholz und entzünden mit einer ordentlichen Portion Benzin ein Lagerfeuer. Dummerweise dreht der Wind so ungünstig, daß wir das Feuer löschen müssen um nicht ganz eingeräuchert zu werden. Eine gute Portion Nudeln und eine heiße Dusche runden den wunderschönen Rocky Mountain Nationalpark - Tag ab. Im Zelt diskutieren wir über die Rückfahrt von Durango bis New York. Alles was wir haben ist ein Rückflugticket von New York nach München. Sollen wir von Durango nach Denver mit Greyhound fahren und weiter nach New York fliegen? Oder wieder die ganze Strecke mit Greyhound? Dafür müßten wir jetzt die "14-days in advance"-Tickets kaufen. Aber wo gibt es hier eine Greyhound-Station? Wir beschließen morgen bei dem Information-Center zu fragen.
7. Tag (25.9.98): Estes Park -> Nederland -> hinter Central City
Auf dem edlen KOA Campground haben wir gut geschlafen. Die Sonne scheint und wir brechen mit kurzen Radlsachen auf. Am Information-Center fragen wir nach einer Greyhound-Station um die Tickets zu kaufen. Estes Park hat leider keine Anbindung. Die nächste Station ist ca. 30 Meilen entfernt in Loveland. Genau die falsche Richtung! Wir hätten einen Tag opfern müssen. So entschließen wir uns, unsere Tour fortzusetzen und auf die "14-days in advance"-Tickets zu verzichten. Gleich auf den ersten Meilen überrascht uns ein steiler 500 Hm - Anstieg. Auch der folgende Strekkenverlauf ist sehr hügelig. Immer rauf und runter, das zehrt an der Kraft. Da wir wieder auf ein Frühstück verzichtet haben, werfen wir uns einen Powerbar ein und halten Ausschau nach einem Supermarkt. Unsere Hoffnung ist Ward. Als wir den kleinen Ort jedoch weit unterhalb links vom Highway sehen, wollen wir das Risiko nicht eingehen, hinunterzufahren und womöglich keinen Supermarkt zu finden. So fahren wir wenige hundert Meter zurück und essen in einem urigen Landgasthof einen riesigen Burger, der uns dann gut bis Nederland bringt. Dort kaufen wir wieder richtig ein: Powerbars, Kekse, Semmeln. Morgen früh soll es wieder eine Frühstück geben! Uns kommen zwei Biker entgegen. Die ersten Fahrradfahrer, die wir auf unsere Tour treffen. Wir grüßen und werden freundlich zurückgegrüßt. Gegen 17:00 Uhr erreichen wir nach einer langen Abfahrt Black Hawk. Eine alte Spielerstadt aus den Zeiten der Goldgräber. Auch heute wohl noch ein beliebtes Ausflugziel mit großen Spielhallen. Aber vor allem soll es hier ein KOA-Campground geben! Da wir keine Schilder sehen fragen wir den Typen beim validparking. Der deutet nur auf den Berg, den wir gerade hinunter gekommen sind und meint: Fünf Meilen da hinauf! Sch.... !!!! Zurück fahren wir nicht, zurück bergauf schon erst recht nicht! Also fahren wir bergauf vorwärts durch Central City hindurch Richtung Idaho Springs. Es dämmert, der Berg ist brutal steil und wir gehen in die kleinsten Gänge. Wo sollen wir heute Nacht bleiben? Motel in Central City kommt bei dem schönen Wetter nicht in Frage, aber bei der bergigen Landschaft ist ein ebener Platz schwer zu finden. Wir verlassen Central City und auf dem schottrigen Weg fahren wir weiter bergauf. Es wird schnell dunkler. Als wir einen kleinen Abzweigpfad links der Schotterstraße sehen folgen wir ihm ein Stück und finden bei einer alten Baracke ein kleines ebenes Stück Boden. Nicht zu einsichtig von der Straße aus, hier bleiben wir. Leider haben wir zusammen nur knapp 2 Trinkflaschen Wasser. Mit einer Flaschen können wir nur ein Päckchen Nudeln kochen, denn die zweite wollen wir uns für den nächsten Morgen und das Stück bis Idaho Springs aufsparen. So fällt das Abendessen spärlich aus, das Zähneputzen entfällt aufgrund von Wassermangel.
8. Tag (26.9.98): hinter Central City -> Echo Lake
Um 7:00 Uhr stehen wir auf. Die Nacht auf dem etwas unebenen, steinigen Untergrund war etwas unbequem. Wir frühstücken die Semmeln aus Nederland. Das Wasser ist verbaucht, die trockenen Semmeln sind wirklich trocken! Egal, weit kann es nicht mehr sein bis Idaho Springs. Und tatsächlich, nach nur wenigen Meter erreichen wir den Gipfel und vor uns liegt eine wunderschöne Abfahrt durch altes Goldgräbergebiet in der Morgensonne. Wunderschön! In Idaho Springs finden wir schnell einen riesigen K-Mart, der alles hat, was wir uns jetzt wünschen: Sandwiches, Rice-Crispies, Milch, Salat, Nudelgerichte, Tortilia-Chips, Salsa, 2 Liter Sprite Flaschen, Wasser, ... Ohne groß über Transportmöglichkeiten nachzudenken, befriedigen wir unseren Lebensmittel-Konsumrausch. Mit drei großen Tüten ziehen wir uns auf eine Parkbank am Fluß gegenüber einer alten Goldmine zurück und (fr)essen bis wir kaum mehr laufen können. Naja, Fahrradfahren muß noch gehen, alles andere ist egal. Den restlichen Proviant kriegen wir irgendwie doch noch in meinen Taschen und Peters Rucksack unter. Die Familienpackung Tortilia-Chips hängen wir außen an Peters Rucksack. Im Visitor Information Center erkundigen wir uns nach dem Weg zum Mnt. Evans, der höchsten Straße Nordamerikas. Die Ranger sind von unsere Tour total begeistert, zeigen uns im Internet die Wetteraussichten für die nächsten Tage und empfehlen uns, noch heute auf den Gipfel zu fahren, das Wetter soll schlechter werden. Leicht gesagt, es ist bereits mittags und zum Gipfel sind es gut 2000 Hm!!! Wir werden wohl auf halber Höhe übernachten und morgen den Gipfel machen. Bald zieht die Straße an und wir Kurbel im mittleren und kleinen Blatt dem Echo Lake entgegen. Wir überholen eine kleine Gruppe Rennradler, die auch freundlich grüßen. Hoffentlich reicht unsere Kraft, nicht wieder eingeholt zu werden. Das wäre peinlich. Wir sehen sie jedoch nicht mehr wieder. Den Echo Lake erreichen wir um kurz vor 14:00 Uhr. Ziemlich früh um die Räder an den Baum zu schließen. Ist der Gipfel noch drin? Wir entscheiden uns, es zu probieren. Auf einem National Forest Campground am Echo Lake bauen wir das Zelt auf und werfen alle Sachen hinein. Wir nehmen nur die warme Kleidung mit und brechen zu den nächsten 1000 Hm auf. Für die Sackstraße zum Gipfel zahlen wir jeder $5. Ohne schweres Gepäck fährt sich die steile Straße wesentlich angenehmer. Wunderschöne Aussichten bieten sich uns auf den Echo Lake. Als wir höher kommen merken wir wieder die dünner werdende Luft. Mittlerweile haben wir uns zwar schon etwas an die Höhe gewohnt, aber so hoch waren wir bisher noch nicht. Ab dem Summit Lake ist die Straße wegen der späten Jahreszeit für Autos gesperrt. Viele Ausflügler parken hier und wandern zum Gipfel. Mit dem Rad können wir jedoch weiterfahren. Die Baumgrenze haben wir lange hinter uns gelassen und hin und wieder sieht man weiße Bergziegen. Die letzten 300 Hm schnaufen wir, ohne viel Druck auf den Pedalen zu haben, in den kleinsten Gängen wie eine Dampfmaschine die Serpentinen hoch. Ober angekommen bietet sich uns ein weiter Blick über alle umliegenden Berge. Wir treffen einen weiteren Biker, der bereits 14 mal zu diesem Gipfel gestartet, und jetzt zum 8. mal hier oben angekommen ist. Die anderen Versuche mußte er wegen Schneesturm oder anderen Widrigkeiten abbrechen. Wir scheinen riesiges Glück mit dem Wetter zu haben. Zwar ist der Wind eiskalt, aber die Sonne scheint und mit den warmen Sachen und GoreTex läßt es sich aushalten. Peter sieht einen kleinen Wanderpfad, der weitere 50 Hm zum Gipfel führt und biket hoch. Mir ist die Luft schon knapp genug und ich habe keine große Lust, noch einen schwierigen Mountainbike-Trail zu fahren. Als Peter zurück ist, machen wir noch ein Foto und ziehen uns dick an für die Abfahrt. Bis zurück nach Echo Lake können wir 1000 Hm abbauen. Die Sonne geht langsam unter und die Abfahrt wird im Schatten trotz Skihandschuhen und doppelten Überschuhen recht kalt. So sind wir froh, am Zelt angekommen, unseren Kocher anwerfen zu können und mit Kakaopulver 2 Liter heißen Kakao kochen zu können. Der Campground ist an sich zwar schon geschlossen, aber Wasser können wir uns von dem nahe gelegenen Visitor Center besorgen. Mittlerweile ist es saukalt geworden und wir essen die Nudeln im Zelt beim Licht der Taschenlampe. Gegen 23:00 Uhr werden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Zwei Familien sind mit Geländewagen zum Campingplatz gekommen, um ihren Kindern eine Abenteuernacht mit Picknick zu bereiten. Bis sie ca. 2 Stunden später wieder abfahren ist an schlafen nicht zu denken.