1. Tag (19.9.98): München -> New York -> vor Cleveland
Vor zwei Tagen habe ich meine letzte Prüfung dieses Semester geschrieben, Peter ist mit seiner Ausbildung fertig, guter Grund wieder eine richtige Biketour zu unternehmen. Die Bikes haben wir in zwei große Kartons verpackt, unsere Biketourenausrüstung in einen Rucksack und in Ortliebtaschen im Seesack verpackt. Um 9:00 Uhr packen wir die Bikekartons in den Uno, die restlichen Sachen werden von Dad und Tobi im Audi zum Flughafen gebracht. Das Aufgeben der Bikes bereitet keine Probleme und pünktlich starten wir mit dem Lufthansa Airbus A340. Auf geht's zu viereinhalb Wochen Amerika! Der Zoll und die Einreise am Flughafen Newark machen keine Probleme. Alexandra, eine Bekannte von Peter, die in Princeton studiert war gekommen. Zuerst wollte sie uns mit ihrem Audi 100 etwas New York zeigen, aber hatten keine Chance die großen Bikeboxen in das Auto zu laden. So setzen wir uns zusammen in ein Kaffee im Flughafen und essen eine Pizza. Der Bus von Olympia Bus Lines bringt uns dann für je $10 zur Port Authority Bus Station, einem riesigen, vierstöckigen Busbahnhof in New York. Obwohl die Greyhound-Etage die einfachste ist, ist sie dennoch recht sauber und gut gemacht. 40 Minuten später haben wir dann noch je $15 für den Radtransport gezahlt, sind aber froh daß bis hierher alles trotz den großen Bikekästen geklappt hat und wir im Greyhound-Bus sitzen. Wir sind noch nicht ganz aus New York raus, da muß der Busfahrer schon den ersten Typ 'rausschmeißen, da sich eine Frau belästigt fühlte. Er muß bei der Penn Station in Newark auf den nächsten Bus warten. Das harte Durchgreifen der Busfahrer gibt uns ein sicheres Gefühl, obwohl schon einige seltsame Gestalten im Bus sitzen. Greyhound fährt eben nicht gerade die upper-society in Amerika. Die nächste Überraschung gibt's gleich etwas später, kaum in Pennsylvenia. Ein dumpfer Schlag und der linke Vorderreifen reißt in Stücke. Mit schlagendem Reifen hat sich der Fahrer bis zu nächsten Ausfahrt gerettet, dann bei einer Tankstelle den Pannendienst angerufen, der auch bald kommt. Nach einer Stunde sind wir wieder 'on the road'. Die nächsten Stops fallen kürzer aus. Wir können etwas schlafen, obwohl der Kopf immer leicht zur Seite wegfällt und man dann wieder aufwacht.
2. Tag (20.9.98): vor Cleveland -> Chicago -> Omaha
Um 4:30 Uhr kommen wir trotz der Panne pünktlich in Cleveland an. Wir werden geweckt und müssen für die nächste Stunde raus ins Terminal, da der Bus gewartet und gereinigt wird. Mit dem Reboarding-Pass dürfen wir als erste zurück in den Bus und wir suchen uns sehr gute Plätze vorne im Bus aus. Bald sind wir durch Indiana durch und erreichen um 11:45 Uhr Chicago. Nach gut einer Stunde Aufenthalt steigen wir in den Bus Richtung Los Angeles, der uns bis Denver bringen wird. Wir überqueren den Mississippi und fahren durch Davenport, einem hübschen Ort am Mississippi mit vielen großen Villen. Hin und wieder werden wir von einem zwielichtigen Typ, der in Chicago eingestiegen war, angelabert. In Omaha müssen wir wieder für einen Servicestop den Bus verlassen. Im Busterminal lernen wir eine Australierin kennen, die ein Pfadfinderlager zwei Wochen lang betreut hat und auf dem Weg nach Californien ist. Danach geht es in die zweite Nacht, und das Schlafen fällt bei dem jetzt vollen Bus nicht mehr so leicht.
3. Tag (21.9.98): Omaha -> Denver -> Steamboat Springs
Um ca. 8:10 Uhr erreichen wir Denver. Langsam haben wir uns schon zu richtigen Greyhound Freaks entwickelt und das Umsteigen mit den Bikekästen bereitet keine Probleme. Kaum sind wir aus der sehr schönen und sauberen Stadt Denver raus, schon geht es in die Rocky Mountains. Leider ist es sehr nebelig und man kann wenig von der Gegend sehen. Erst als wir von der großen Interstate 70 abbiegen, reißt der Nebel auf. Der Fahrer zirkelt den großen Greyhound-Bus die Serpentinen über den Berthoud Pass (11315 ft.) hoch und wieder runter. Die Wälder leuchten in schönen Herbstfarben und die Sonne scheint. Wir werden total euphorisch, in dieser Gegend zu biken muß ein Traum sein!!! Doch wir müssen uns noch gedulden bis der Greyhound-Bus nach 5 Stunden Steamboat Springs erreicht. Gegenüber von uns sitzt ein Typ namens Robby. Er zieht mit Greyhound um von Denver nach San Francisco. Ist eben billiger als fliegen. Das wissen wir auch. In Steamboat Springs gibt es zwei Stopps. Einen Mittagsstopp etwas vor dem Ort beim Wendy's und einen im Ort. Beim Wendy's essen wir gut Mittag, mit Chicken-Burger und Salat. Der große Parkplatz und ein Bikeshop überzeugen uns, schon hier unsere Bikes zu entladen, zusammenzubauen und mit den Rädern nach Steamboat Springs hineinzufahren. So ziehen wir die Kästen aus dem Bus. 42 Stunden Greyhoundfahrt von New York bis Steamboat Springs, Colorado sind zu ende. Wir sind froh darüber, obwohl die Fahrt verhältnismäßig angenehm war. Am Rande des Parkplatzes packen wir unsere Bikes aus den Kartons aus und bauen sie zusammen. Außer einem defekten Ventil in meinem Hinterrad ist alles OK. Wir kaufen in dem Bikeladen einen neuen Schlauch um nicht schon jetzt vor der Tour unseren Ersatzschlauch opfern zu müssen. Der Typ im Bikeladen gibt uns noch einige Tips für Biketouren in der Gegend und zeigt uns den Weg zum Campingplatz. Mittlerweile ist es schon nach 15:00 Uhr und wir entschieden uns, die Nacht auf diesem KOA Campground in Steamboat Spings zu bleiben. Wir kaufen uns gleich die KOA-Mitgliedskarte, bei der wir auf jedem Platz 10% Ermäßigung bekommen. Der Inhaber füllt uns in seiner Garage die Benzinflaschen zum Kochen. So müssen wir nicht mehr nach Steamboat hinein, um eine Tankstelle zu suchen und könne nach 3 Tagen wieder die erste heiße Dusche genießen. Wunderbar! Jeder Platz ist mit einer Feuerstelle und einem Tisch und Bänken ausgerüstet. Den Komfort von Tischen und Bänken werden wir auf jedem Campground der Tour vorfinden. Sehr praktisch zum Kochen und Essen. Wir kochen einen Topf voll Nudeln, die wir noch von daheim mitgebracht haben. Der Kocher rauscht und leichter Wind weht durch die Bäume über uns. Wir sind wieder mitten in großartiger Natur. Das Biketouren-Feeling ist sofort da! Auch die Nacht im Zelt ist wesentlich angenehmer als die zwei vorherigen Nächte im Bus.
4. Tag (22.9.98): Steamboat Springs -> Buffalo Pass -> Rand
Nach einer ruhigen Nacht wachen wir um ca. 8:00 Uhr auf. Strahlend blauer Himmel, kein Wölkchen. Nach ausgiebiger Morgenpflege mit Rasieren und Waschen packen wir unsere Sachen zusammen und fahren zum Wendy's zum Frühstücken, leider macht dieser jedoch erst um 11:00 Uhr auf. Wir sind hier eben doch in der Prärie. Aber der McDonnalds hat schon offen und wir frühstücken Pancakes mit Sirup. Echt gut! Wir entscheiden uns die erste Etappe der Tour nicht nach dem Vorschlag auf den Karten der "Adventure Cycling Tour Association" zu fahren, sondern die kleine Schotterstraße über den Buffalo Pass zu nehmen. Kaum sind wir aus dem Ort draußen, schon wird die asphaltierte Straße zu einer Schotterpiste und steigt steil Richtung Buffalo Pass (ca. 10200 ft / 3110 m) an. Sofort merken wir die dünne Luft. Für einen vollen Atemzug muß man hier fast zwei machen, wir sind noch überhaupt nicht an diese Höhe gewohnt. Trotzdem, wir sind froh, daß das Wetter zu dieser Jahreszeit in Colorado noch so warm ist, daß man mit kurzen Bikersachen fahren kann. Die Bikes haben den langen Lufthansa/Greyhound-Transport gut überstanden und machen keine Probleme. Ich fahre die erste größere Tour mit Satteltaschen und auch das funktioniert sogar an sehr steilen Anstiegen äußerst gut. Nur bei groben Wegstücken bergab muß ich aufpassen, daß ich mir kein Durchschlag am Hinterrad hole. Vor der Paßhöhe sehen wir noch öfters Ausflügler, die teilweise mit ihrem Auto hier hochgefahren sind. Einige sprechen uns an und fragen nach unserem Ziel. Auf der Paßhöhe geht es an einem kleinen Bergsee vorbei. Wir sehen ein Eichhörnchen und zwei Rehe. Nach einer wunderschönen Abfahrt mit Blicken auf eine riesige Prärieebene füllen wir am Grizzly Creek Campground unser Flaschen an einer Hebelpumpe wieder mit Wasser auf. Wasser, das wir an diesem Tag noch gut werden brauchen können. Nach der Abfahrt breitet sich diese Prärielandschaft gewaltig vor uns aus. Unsere Schotterstraße, die am Horizont zu verschwinden scheint, tiefblauer, klarer Himmel, hin und wieder ein kleiner Abzweig, über dem ein Schild eine Ranch ankündigt, die teilweise in der Ferne zu sehen ist. Seit geraumer Zeit haben wir keine Menschenseele getroffen und bei kräftigem Rückenwind gleiten wir ohne viel treten zu müssen über die Schotterstraße. Wir fühlen uns wie Marlboro Man und alles was fehlt, ist ein Cowboy mit Gitarre der einen Countrysong singt. Absolutes Soul-Biking! Als wir den State Highway 14 erreichen, werden wir abrupt wieder ins Leben zurückgerufen. Diesen Highway müssen wir ein Stück Richtung Süden fahren. Der Wind bläst jetzt schräg von rechts vorne und wir fahren Windschatten, da die Kraft langsam nachläßt. Hin und wieder überholen uns große Trucks, die meist angemessen Abstand halten. Der auf unserer Landkarte eingezeichnete kleine Fluß entpuppt sich als ein teilweise ausgetrocknetes Supfgewässer. Also keine Chance die Flaschen nachzufüllen. Nach einigen Meilen können wir links einen Schotterweg nehmen der uns eine Verbindung zum US-State Highway 125 schafft. Mittlerweile ist es schon kurz vor 17:00 Uhr und die Sonne steht tief. Auch dieser Schotterweg führt schnurgerade durch die Prärielandschaft. In weiter Ferne kann man eine Bergkette ausmachen. Unsere Kräfte lassen nach und wir machen 'in the middle of nowhere' eine Pause. Mit den Cliff-Bars, die wir am Vortag beim Bikeladen gekauft haben, versuchen wir das fehlende Mittagessen zu ersetzten. Auch unsere Wasservorräte gehen zu neige. Während wir auf dem Schotterweg Pause machen, kommt ein Fahrzeug von UPS vorbei. Der Fahrer fragt, ob es Probleme gebe. Wir verneinen dies und fragen, ob wir in dem nächsten Ort Rand Wasser bekommen und neue Vorräte einkaufen könnten. Er lächelt nur und meint: "Da gibt es gar nichts!". Schlechter Scherz, denken wir. Doch als wir nach weiteren 5 Meilen den Highway und wenig später Rand erreichen, wird uns klar: Das war kein Scherz! Es gibt tatsächlich gar nichts!! Ein kleines Farmerdorf mit genau (14 !!) Einwohner (laut Ortsschild). Unsere Trinkflaschen sind fast leer, es geht dem Abend zu und der nächste Ort ist mehr als 30 Meilen entfernt. Wir haben in unsere Planung fest darauf vertraut, in diesem, in der Karte groß eingezeichneten Ort, etwas einkaufen zu können. So klopfen wir an verschiedene Türen, um einen der 14 Einwohner wenigstens nach Wasser zu fragen. Aber es scheint kein Mensch da zu sein. Erst nach einer halben Stunde finden wir jemanden, der meint, er habe kein Wasser. Merkwürdig !?! Etwas später füllt uns dann doch noch jemand mit einem Wasserschlauch die Flaschen. Auf die Frage, ob wir auf seiner Heuwiese das Zelt aufbauen könnte, meint er jedoch nur: Fahrt 3 Meilen zurück und fragt bei der Ranch, die erlauben soetwas. Danke! Komische Typen hier in Rand! Naja, sie haben vielleicht mal schlechte Erfahrung mit Campern gemacht. Zurückfahren wollen wir jedoch auf keinen Fall und so fahren wir aufs Geratewohl weiter. Es dämmerte schon als wir zum Routt National Forrest kommen und wir suchen am Straßenrand einen geeigneten Platz um das Zelt aufzubauen. Ganz erstaunt sind wir, als wir nach einigen Meilen einen am Highway gelegenen privaten Campground finden. Was Besseres hätte uns nicht passieren können. Für 8 Dollar haben wir einen Rasenplatz und Wasser. Wir kochen das letzte Päckchen Nudeln und essen sie im Zelt beim Licht der Taschenlampen. Natürlich viel zu wenig. Wir freuen uns über die weiche Wiese und steigen in unsere Schlafsäcke