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Die "Deutschland-Tour" war keine zwei Wochen nach der Gardaseetour meine zweite größere 'Radwanderung'. Sie verlief fast vollständig auf asphaltierten Straßen. Hier stand mehr im Vordergrund, unser Ziel, Deutschland in sieben Tagen von Süd bis Nord zu durchqueren, zu erreichen. Deshalb fuhren wir ohne schwere Rucksäcke sondern nur mit den nötigsten Sachen. Auch die dicken Mountainbike-Reifen tauschte ich gegen schmale, glatte Slicks. Phil fuhr mit seinem Rennrad und Tobias mit einem in Richtung Triathlon umgebauten Crossrad. Da diese Tour jetzt schon eine ganze Weile zurückliegt und ich damals leider keine vollständige Tourbeschreibung geschrieben habe, sind hier nur einige Fotos mit ein paar Erlebnissen, die mir von dieser Tour in Erinnerung geblieben sind:
1. Tag (08.08.1993):
Wir
starteten schon um sechs Uhr morgens, da die erste Etappe unsere längste Etappe von ca.
230 km werden sollten. Deswegen achteten wir von anfang an auf eine möglichst
kraftsparende Fahrweise indem wir oft Windschatten fuhren. Die erste größere Pause
gönnten wir uns in Ingolstadt. Wir aßen Müsliriegel und ruhten uns an der Donau aus
bevor es weiter ins Altmühltal ging. Das Altmühltal war wegen der kurvenreichen und
ebenen Straße sehr schön und abwechslungsreich zu fahren (siehe Foto links).
Auf
dem letzten Teilstück nutzten wir die Radwege entlang dem Rhein - Main - Donau - Kanal.
Auf dem sehr feinen und festen Schotter lief es kaum schwerer als auf Asphalt und wir
genossen es am Wasser entlang zu fahren. Lediglich die langsam fahrenden Ausflugsradler
störten hin und wieder. Öfter mußten wir unsere Räder an Schleusenanlagen über Treppen
hinutertragen (siehe Foto rechts). Schließlich zog sich da letzte Teilstück vom
RMD-Kanal bis Erlangen auf Asphalt doch noch ziemlich in die Länge. Ich war fix und
fertig als wir bei der Jugendherberge in Erlangen eintrafen und es kamen mir Zweifel ob
ich diese Tour mit den beiden Sportskanonen aus unserer Jahrgangsstufe im Gymnasium
Vatersetten (Phil und Tobias) auch durchstehen würde. In der Jugendherberge bekamen wir
ein eigenes Zimmer und suchten am Abend noch eine kleine Pizzaria auf wo wir in einem
kleinen Innenhof mit Lasagne unsere Kohlenhydratvorräte wieder auffüllten.
2. Tag (09.08.1993):
Auch an diesem Tag standen wir vor 7 Uhr auf und saßen früh beim Frühstück. Um ca. 8 Uhr waren wir wieder auf der Straße. Auch heute hatten wir wieder ca. 180 km vor uns und wollten einen Großteil davon möglichst schon am Vormittag hinter uns bringen um Abends nicht in Zeitdruck zu geraten. Einen Strich durch die Rechnung machte uns dabei allerdings Bamberg, wo wir uns dermaßen in dieser Stadt verfuhren, daß wir über eine Stunde Zeit verloren, bis wir auf dem richtigen Weg nach Schweinfurt waren. Die Anstrengungen des letzten Tages machten sich auch schnell bemerkbar. Wir dachten es schon geschafft zu haben, als direkt vor Bischoffsheim uns noch ein steiler, langer Anstieg zu schaffen machte. Als wir die Jugendherberge erreichten war ich kräftemäßig auf dem absoluten Tiefpunkt der gesamte Deutschland-Tour angelangt. Wir waren den ganzen Tag so damit beschäftigt, unser Etappenziel zu erreichen, daß wir kein einziges Foto machten. Nach dem ausgiebigen Essen in einem ländlichen Gasthof sanken wir in unsere Betten und schliefen schnell ein.
3. Tag (10.08.1993):
Am
dritten Tag führte unser Weg durch die hügelige Landschaft der Röhn. Meist fuhren wir
auf schönen kleinen, fast unbefahrenen Straßen. Leider war das Wetter sehr wechselhaft
und wir machten viele Stops, um die Regenjacken an- und auszuziehen. Auf dem letzten
Stück an der Fulda entlang nach Melsungen setzte starker Regen ein und wir waren sofort
völlig durchnäßt, teils von dem Regen selber, teils von dem Wasser das der Hinterreifen
des Vordermannes aufspritzte. Wir konnten uns jedoch zeitlich keine Pause mehr leisten und
so kamen wir pitschnaß aber rechtzeitig in der Jugendherberge in Melsungen an, wo wir von
einem netten Zivi ein eigenes Zimmer zugewiesen bekamen. Dieser Zivi wollte uns am Abend
noch zu sich einladen, um Fußball zu schauen. Da wir jedoch am nächsten morgen wieder
früh aufbrechen wollten, lehnten wir dankend ab. In unserem Zimmer breiten wir unsere
nassen Sachen zum trocknen aus. Nach einer ausgiebigen Dusche und dem Zusammensuchen aller
Anziehsachen, die in den Plasikbeuteln im Rucksack trocken geblieben waren, fuhren wir mit
den Bikes in den Ort Melsungen um Abend zu essen. Melsungen war ein ausgesprochen schönes
Städtchen, mit Burgmauer und vielen alten Fachwerkhäusern. Dies machte sich aber leider
negativ auf die Essenspreise aus und wir suchten ziemlich lange bis wir ein Restaurant
gefunden hatten, das unserem Schüler-Budge halbwegs entsprach.
4. Tag (11.08.1993):
Am
vierten Tag schien wieder die Sonne und wir saßen früh motiviert auf unseren Rädern. Am
Vormittag stand vor allem die Kassel-Durchfahrt auf dem Programm, die sich aber nicht als
sehr schwierig erweisen sollte. Weiter ging es wieder auf kleineren Straßen. Bevor wir
die Weser erreichten, geriet Phil bei einer Abfahrt in einen Streifen frischen Asphalt,
wobei spitze Steinchen sich an seine Reifen klebten und ihn an verschiedenen Stellen
anritzten. Wir blieben sofort stehen und Phil säuberte seine Reifen, die zwar noch
fahrbereit, aber an verschiedenen Stellen schwer beschädigt waren. Bald erreichten wir
die Weser, deren Verlauf wir in sich änderndem Abstand bis zum Tagesziel in Polle den
ganzen Tag folgen sollten. Das Mittagessen verbrachten wir, wie jeden Tag, vor einem
Supermarkt mit Jogurt, Trinkjogurt, Brot, Keksen, Gatorate, Wasser und Fruchtsaft (siehe
Foto rechts).
Zweimal mußten wir die Weser überqueren, wozu man jedermal warten mußte, bis
sich 2-3 Autos angesammelt hatten und eine kleine Fähre uns mit diesen Autos über die
Weser brachte. (siehe Foto links). Als wir Polle am Abend erreichten, sahen wir ein
einziges großes Gebäude auf der Spitze eines großen Hügels und wußten sofort, das
mußte die Jugendherberge sein. (Wieso stehen die Jugendherbergen nur immer auf höchsten
Erhebung weit und breit ?!?) So quälten wir uns noch den letzten Hügel hinauf, der zum
Schluß hin so steil wurde, daß man mit dem Moutainbike in die kleinsten Gänge mußte.
Als Belohnung hatten wir aber von unserem Zimmer aus einen super Ausblick auf die
umliegenden Landschaft und Polle. Auf der Suche nach einem Gasthaus in Polle fanden wir
lediglich eine Kneipe mit 2-3 Tischen. Die nette Dame hinter dem Tresen meinte sie hätte
noch ein paar Kroketten, Pommes und etwas Fleisch im Gefrierschrank, das sie uns
zubereiten könnte. Und sie zauberte daraus tatsächlich ein Essen, das uns allen gut
schmeckte. Obwohl wir auch in Polle ein eigenes Zimmer in der Jugendherberge hatten, war
die Nacht recht laut.
5. Tag (12.08.1993):
Nach
einem ehr enttäuschenden Frühstück in der Jugendherberge machten wir uns wieder auf den
Weg. Das Wetter war wieder gut, die Strecke sehr abwechslungsreich und wir kamen gut
voran. Die letzten 50 km zu unserem Tagesziel liefen wie im Flug, da wir kräftigen
Rückenwind hatten. Am liebsten wären wir gleich an Hannover vorbei gefahren und hätten
einen Teil der nächsten Etappe vorausgezogen. Aber wir hatten eine Übernachtung bei
Phils nettem Onkel in Hannover geplant, der Chef vom Mövenpick-Restaurant in Hannover und
einem weiteren Restaurant war (... und dieser Stop in Hannover sollte sich auszahlen !!!).
So steuerten wir geben Nachmittag auf das Stadtzentrum von Hannover zu. Nachdem wir uns
durch eine Menge Verkehr geschlagen hatten, standen wir in der Fußgängerzone vor dem
Mövernpick-Restaurant. Wir schlossen unsere Räder an und betraten mit verschwitzen
Radelsachen das edle Restaurant. Als die Bedienung uns gerade wahrscheinlich wieder
rausschmeißen wollte, erklärte Phil ihr, daß er der Neffe des Chefs sei und ihn
besuchen wolle. Phils Onkel begrüßte uns herzlich und lud uns sofort zu einem
Freundschaftsbecher (besser: -schüssel) Eis ein und wir hatten sogar nach 5 Tagen
radfahren unser Mühe diese Massen an Eis und Früchten wegzuspachteln. Phils Onkel gab
uns seinen Wohnungsschlüssel und erklärte uns, daß wir für die Nacht seine
Wohnung haben könnten und er auswärts schliefe. So machten wir uns auf den Weg zu dieser
Wohnung. Dort duschten wir und genossen es nach vier Jugendherbergstagen wieder in einer
richtigen Wohnung zu sein. Am Abend kam Phils Onkel vorbei und lud uns zu seinem anderen
Restaurant ein, einem alten, super restaurierten Bauernhof, bei dem der Speiseraum auf
viele kleine Zimmer aufgeteilt war. Er bestand auch darauf dieses kleine Stück mit uns
mit dem Rad statt in seinem Auto zu fahren. So montierten wir unser Lichter und fuhren
gemütlich zu diesem edlen Restraurant. Phils Onkel bestellte für uns alle je einen
"Fitness-Teller" (!!!) damit wir "auch noch die letzten zwei Etappen
nach Flensburg schaffen !" (siehe Foto). Total überfressen fuhren wir später am
Abend zurück zur Wohnung und legten uns schlafen.
6. Tag (13.08.1993):
Phils Onkel wußte,
daß wir am nächsten Morgen früh fahren wollten und kam schon vor 7 Uhr vorbei um uns
auch von seinen eigenen Kochkünsten zu überzeugen und uns ein Frühstück-Royal mit
Rührei, Schinken und allem möglichen zuzubereiten. (Phil, herzlich Glückwunsch zu
diesem Onkel!!!). Wir bedankten und verabschiedeten uns von unserem großzügigen
Gastgeber. Die ersten Kilometer mußten wir langsam fahren um erst das üppige Frühstück
zu verdauen. Auf der Fahrt nach Hamburg kamen wir an Fallingsbostel vorbei, wo wir ein
großes Bundeswehrareal durchquerten und uns dabei über einige Kilometer grobes
Kopfsteinpflaster quälen mußten. Phil schüttelte es mit seinen harten schmalen
Rennradreifen besonders durch und wir alle waren froh bald wieder glatten Asphalt unter
den Reifen zu haben.
Der weitere Weg in Richtung Hamburg verlief auf guten größeren Straßen die
gerade durch die ebene Landschaft verliefen. Optimal um "Kilometer zu machen"
aber etwas langweilig (siehe Bild links). Als wir Hamburg erreichten fanden wir uns
schnell in einem totalen Verkehrschaos wieder und die Fahrt zur Jugendherrberge war,
abgesehen von dem Highlight der Elb-Überquerung (siehe Bild rechts), er ein Kampf als
Radfahren. Die Jugendherrberge war ein riesiges Gebäude mit absolut unpersönlichem
Charakter. Wir bekamen nur ein 10-er Zimmer, daß wir uns mit 4 anderen Personen teilen
mußten. Überall warnten Tafeln vor Diebstahl und jeder hatte ein eigenen
verschließbaren Schrank. Wir achteten darauf die Räder sorgfältig abzuschließen und
liefen, nachdem wir uns geduscht hatten, zu Fuß los um ein Restaurant zu suchen. Obwohl
wir bei einem Italiener zu Abend aßen merkten wir daß wir mittlerweile im Norden von
Deutschland waren. Die Gerichte und insbesondere die Getränke waren kleiner und teurer.
An frühes Schlafengehen war an diesem Abend mit vier weiteren Zimmerbewohnern nicht zu
denken.
7. Tag (14.08.1993):
An
diesem morgen revanchierten wir uns für den unruhigen Abend, indem wir wie gewohnt vor 7
Uhr aufstanden und nicht vermeiden konnten unsere 4 Zimmergenossen aus dem Schlaf zu
reißen. Das Frühstück verlief in dieser riesigen Jugendherrberge auch komplett
automatisiert ab. Man bekam einen Chip für ein Getränk an einem Automaten und eine
fertiges Paket mit Brot, Butter und etwas Aufschnitt (für Radfahrer viel zu wenig).
Dafür hatte man vom Frühstückssaal durch eine große Glasfront weiten Bilck auf die
Hafenanlagen (Die Jugendherrberge war wie immer auf einer Anhöhe). Keiner von uns hatte
rechte Lust jetzt aufs Rad zu steigen und sich in das Verkehrschaos zu begeben, doch wir
hatten noch eine lange Etappe vor uns und konnten uns keine große Verzögerung leisten.
Das Verlassen von Hamburg stellte sich jedoch wesentliche angenehmer heraus als die
Anfahrt am Vortag. Bald erreichten wir die äußeren Wohngebiete von Hamburg und der
Verkehr wurde erträglich. Als wir bei einem Supermarkt unsere Trinkflaschen auffüllten
und etwas Wasser (!!!) auf den Gehsteig verschütteten, wurden wir das erste mal auf
plattdeutsch angemacht: "Das wischt ihr hier aber schon wieder weg, da kann man ja
ausrutschen!".
Eher belustigt von diesem Kommentar fuhren wir weiter, ließen Hamburg hinter
uns und steuerten durch die Ebene Landschaft auf Schleswig zu. Hier sahen wir das erste
mal das Meer, die Ostsee. Erst jetzt wurde uns richtig bewußt, daß wir die Tour so gut
wie geschafft hatten. Von unserem Ziel trennten uns jetzt nur noch ca. 30 km. Wir genossen
den Duft des Salzwasser und machten eine Pause, um danach, angetrieben von dem nahen Ziel,
unsere Tempo zu erhöhen und mit vollem Tempo auf Flensburg zuzurasen. Als wir das
Ortsschild Flensburg sahen bildeten wir eine Reihe über die gesamte Straßenseite und
fuhren nebeneinander durch die Stadtgrenze von Flensburg. Nach einem Foto vom Ortsschild
fuhren wir gemütlich durch Flensburg und suchten die Jugendherrberge. Inzwischen war es
auch schon etwas später geworden und nachdem wir geduscht und uns umgezogen hatten
mußten wir den Jugendherbergsvater lange überreden, uns den Schlüssel zu geben, damit
wir nach 10 Uhr noch vom Essen zurück kommen können. Leider fanden wir in der Umgegend
der Jugendherberge keinen Gasthof und kauften uns bei einem Fast-Food-Griechen am Hafen
Gyros zum mitnehmen, mit dem wir in der Jugendherrberge das Erreichen unseres Zieles,
"Deutschland in 7 Tagen zu durchqueren" feierten. Auch wenn es Menschen gibt,
die das in vielleicht 3 Tagen schaffen, waren wir stolz auf unsere 7 Tage, in denen wir
ziemlich regelmäßig an die Grenzen unsere Kraft gegangen sind.
| Copyright: Christian Flenker, 1999 |